26. Februar 2015

Rückkehr zur Pferdekutsche?

Bild: Thomas Wolf - Lizenz: CC BY-SA 3.0

Einwendungen zum veröffentlichten Entwurf des Nahverkehrsplans Thüringen 

Vorbemerkung: 

Der vorgestellte Fahrplanentwurf löst bei mir große Sorgen aus im Bezug auf den Anschluss Ostthüringens an das Bahnnetz. Nur bei den Zubringerfunktionen zum Knoten Erfurt werden kleine Verbesserungen angedeutet. Für Jena / Saalfeld in Richtung Norden und für Gera sowohl nach Norden, als auch nach Süden bringen Verbindungen über Erfurt nichts. Von den Versprechungen nach dem Verlust des ICE-Verkehres auf der Saalbahn Ersatz im Regionalverkehr oder im Fernverkehr  zu schaffen ist nichts im Fahrplanentwurf 2016 zu finden. Insofern ist dieser Fahrplanentwurf ein Offenbarungseid, der klarmacht, was Ostthüringen ab 2017 erwartet und dass die NVS-Thüringen zumindest für Ostthüringen nicht zu Ihren Zusagen aus den vergangenen Jahren steht. Gleiches gilt für die ab 2015 versprochenen täglichen 4 Fernverkehrszugpaare aus dem Ruhrgebiet über Jena nach Gera, die nun doch nicht fahren sollen, weil völlig „überraschend“ keine Diesellok zum Vorspannen verfügbar ist. Ich fordere die NVS-Thüringen auf, endlich auch Nachteile der Erfurt-Fixierung für andere Thüringer Regionen zur Kenntnis zu nehmen und dann entsprechend diese Nachteile zu beseitigen. 

Was hilft es dem Freistaat Thüringen, wenn sich die Verbindungen von Erfurt zu den außerthüringischen Ballungszentren gegenseitig Kannibalisieren und der Rest von Thüringen nur noch nach Erfurt kommt und sonst auf PKW und Fernbusse angewiesen sein wird? 

Wie will man den Wissenschafts- und Wirtschaftsstandort Jena im Punkte Erreichbarkeit im Vergleich zu den anderen mitteldeutschen Zentren Halle und Leipzig stärken, oder will Thüringen seinen High-Tech-Standort im Wettbewerb  schwächen? 

Im Übrigen weise ich die NVS-Thüringen auf den politischen Willen, dokumentiert im Koalitionsvertrag der derzeitigen Regierungsparteien hin, bestmöglichen Ersatz für die wegfallenden ICE auf der Saalbahn zu schaffen und damit auch mischfinanzierter Fernverkehr zu ermöglichen. Die NVS-Thüringen sollte entsprechende Überlegungen des Bundesministeriums für Verkehr und digitale Infrastruktur aktiv begleiten und umsetzen. 

Die nachfolgenden Analysen und Vorschläge zum Fahrplanentwurf können keine echte Lösung für die Saalbahn bewirken, sondern nur auf die gravierendsten Fehlplanungen im Fahrplanentwurf eingehen und partielle Verbesserungen ermöglichen. 

1. Erreichbarkeit der Region der Saalbahn (Jena, Rudolstadt, Saalfeld) mit Nahverkehr 

- Es sind an Werktagen bessere frühe Verbindungen aus den Städten Halle/ Leipzig nach Jena - Saalfeld erforderlich, vor allem ohne Umstiege. Berufspendlern und Studenten auch von der Strecke, ist auch weiterhin das Erreichen Ihres Arbeitsplatzes mittels Bahnverkehr zu ermöglichen. Derzeit arbeiten allein in Jena mehr als 1200 Einpendler aus Sachsen Anhalt und etwa 1000 aus Sachsen. Derzeitige Planungen ermöglichen als erste Möglichkeit einer Ankunft in Jena 5:44 und 6:24 in Saalfeld, bei Abfahrt in Halle um 4:25 Uhr. Diese Verbindung, mit Umstieg in Großheringen ist ohne Anschluss aus Leipzig. Die erste Nahverkehrsverbindung aus Leipzig erreicht Jena um 9:10 Uhr (Start in Leipzig 7:52), zu spät für Pendler. Die zwei ICE- Verbindungen in der Zwischenzeit stehen während der 9-monatigen Sperrung nicht zur Verfügung, und sind für Pendler aus kleineren Halten nicht nutzbar. 

Vorschlag:
 Start der Regionalbahn RB 6905 in Leipzig statt in Großheringen oder Durchbindung des RE 17605 nach Jena/ Saalfeld, mit RB- Anschluss aus Leipzig. 

- Über den gesamten Tag hinweg gibt es keine durchgehenden Verbindungen von Halle nach Jena/Saalfeld. Gleichzeitig sind stündliche Direktverbindungen Erfurt-Halle über Naumburg und zweistündliche Direktverbindungen Erfurt- Halle/Bitterfeld über Sangerhausen im Fahrplan vorgesehen. Dagegen gibt es eine zweistündige Direktverbindung von Erfurt  nach Leipzig, oder von Saalfeld nach Leipzig, mit Umstiegsmöglichkeit in der anderen Stunde. 

Vorschlag: 
Auch beim Ziel Halle eine zweistündige Direktverbindung von Erfurt über Naumburg nach Halle und von Saalfeld/Jena über Naumburg nach Halle zu installieren mit Umstiegsmöglichkeit zur entgegengesetzt fahrenden jeweiligen Direktverbindung nach Leipzig. Erfurt würde trotzdem eine stündliche Direktverbindung nach Halle behalten, wenn die Linie 335 entsprechend mit berücksichtigt wird. 

2. Anbindung an Fernverkehr während der Bauphase und wahrscheinlich ab 2017 

- Ein Ersatz der ICE durch Busse, wird für die Bahnreisenden, insbesondere in den Berufsverkehrszeiten nicht planbare Fahrzeiten zwischen Jena und Leipzig bewirken, mit der Folge verpasster Anschlüsse. Dies wird zum massenhaften Umstieg von Fahrgästen auf PKW und Fernbusse führen. Diese Fahrgäste wird man zum großen Teil dauerhaft verlieren. 

Forderung:
Der Ersatzverkehr für die ICE muss planbar auf der Schiene erfolgen, durch zusätzliche Züge, oder Verlängerung von in Leipzig startenden/endenden IC/ICE bis Jena/Saalfeld. 

3. Probleme von wegfallenden Direktverbindungen: 

- Die Verantwortlichen bei der DB, der NVS und im Ministerium beschränken sich auf ein reines Betrachten der Fahrzeiten. Das ist Erstens nur ein Teilaspekt der Fahrgastprobleme und zweitens berücksichtigen die derzeitigen Fahrzeit-Analysen nicht die relativ ungünstige Lage des Knoten Erfurt im Kontext zu den benachbarten Knoten Nürnberg, Frankfurt und Halle/Leipzig, die Umsteigezeiten von mehr als 10 min. erforderlich machen wird. 

- In Nahverkehrszügen ist bisher eine Platz-Reservierung nicht möglich, Reisegepäckmitnahme ist erschwert, der Sitz- und Platzkomfort ist eingeschränkt, da bei der Planung der Züge von kurzen Reisezeiten ausgegangen wird und es besteht das „Anschlussrisiko“ da der ICE auf verspäteten Regionalverkehr nicht wartet und das Arbeiten im Zug  ist wegen ungenügender Tische/ Ablagen nur eingeschränkt möglich. Alle diese Nachteile des Nahverkehrs zum Fernverkehr der Bahn werden größtenteils nicht berücksichtigt, spielen jedoch für Geschäftsreisende, Pendler, Wissenschaftler, Studenten und Seniorinnen und Senioren sowie Familien eine wichtige Rolle. 

- Durch den Umweg über Erfurt entstehen für die Kunden höhere Fahrscheinkosten. 

- Jeder Umstieg „kostet“ etwa 30% der Fahrgäste, bei zu vielen Umstiegen während einer Reise werden alternative Verkehrsmittel genutzt, bzw. auf die Reise wird häufig verzichtet. Dabei geht es um alle Umstiege, nicht nur die im Bahnnetz. Die meisten Fahrgäste wohnen nicht in Fußentfernung zum Bahnhof und Reiseziele liegen auch meist außerhalb der 15 min. Fußweggrenze.  Das bedeutet der 1. Umstieg ist am Bahnhof, der mit ÖPNV oder PKW oder Taxi erreicht wird. Der 2. Umstieg (letzte) ist der vom Bahnhof in den ÖPNV oder PKW oder Taxi zum eigentlichen Ziel. Damit bleiben für die Reise 1-2 Umstiege im Bahnsystem. Häufige Umstiege verhindern längere Entspannungsphasen, verringern die Möglichkeit zu arbeiten, insbesondere bei Fahrzeiten je Zug von unter einer Stunde. 

- Hinzu kommt ein lokales Jenaer Problem. Jena hat keinen Hauptbahnhof. Der gesamte Nahverkehr/regionale Busverkehr ist auf das Zentrum mit dem Paradiesbahnhof ausgerichtet. Züge von und nach Erfurt fahren jedoch über den Westbahnhof und den Bahnhof Göschwitz. Dadurch verlängert sich der Weg zum Bahnhof für ca. 70% der Fahrgäste um mindestens 10-15 min. Es ist wegen der geografischen Bedingungen in Jena wirtschaftlich unmöglich, den Westbahnhof so gut in den Jenaer Nahverkehr einzubinden, wie dies beim Paradiesbahnhof gelang. Dieser Punkt spielte bei keiner Analyse bisher eine Rolle – bei den Fahrgästen jedoch wird dieser Aspekt einfließen.