9. Juni 2016

Synthetische Biologie: Chancen und Risiken ethisch abwägen!

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Sehr geehrte Frau Präsidentin!

Geehrte Kolleginnen und Kollegen!

Als Techniker habe ich jahrelang in der Technologieentwicklung gearbeitet. Als Qualitätsmanager musste ich komplexe Fertigungen überblicken. Aber auch mir fällt es schwer, den Umfang der Möglichkeiten der Biotechnologie zu erfassen.

Stellen Sie sich folgendes Katastrophenszenario vor: Ein Hobbyforscher setzt in das Erbgut von Herpesviren erfolgreich die Gene des Bakteriums Clostridium botulinum ein. Die sich gut verbreitenden Herpesviren produzieren dann das starke Gift Botulinum direkt im menschlichen Körper. Leider war das Heimlabor nicht so sicher, und er infiziert sich, seine Familie und seine Bekannten. Monate später ist aus der Epidemie eine Pandemie geworden. Der Freizeitforscher war nicht einmal Terrorist oder kriminell, er war einfach angetrieben von Neugier und Wissensdrang. Was ich hier als Möglichkeit skizzierte, kann jeden Tag Wirklichkeit werden.

Zurück zur Realität: Von 1918 bis 1920 wütete die Spanische Grippe weltweit. Mehr als 30 Millionen Tote gab es. Das waren 1,5 bis 2 Prozent der damaligen Weltbevölkerung. 2005 rekonstruierten amerikanische Forscher des CDC, der amerikanischen Gesundheitsbehörde, im Hochsicherheitslabor den Erreger der Spanischen Grippe. Was wäre passiert, wenn dieser Erreger das Labor verlassen hätte?

Einhundert Prozent Sicherheit gibt es nicht. Gesetze und Regeln und auch das gesellschaftliche Bewusstsein für Gefahren halten nicht Schritt mit dem wissenschaftlichen Fortschritt bei den Biotechnologien.

Die Förderung der Biotechnologien war von unions- und SPD-geführten Regierungen größtenteils fokussiert auf die Entwicklung neuer Geschäftsfelder. Dies gelang wie bei der Entwicklung von Gene Editing. Beim Gene Editing werden mithilfe spezieller Nukleinsäuren DNA-Stränge gespalten, und Teilstücke können so gezielt ausgetauscht werden. Auf diese Art werden Zellen und Bakterien komplett verändert. Damit könnte eine Heilung von HIV möglich werden. Man könnte genetische Defekte reparieren, aber eben auch tödlichere Krankheitserreger erschaffen.

Diese Dual-Use-Problematik, also eine Forschung sowohl zum Wohle als auch zum Schaden der Menschheit, hat gerade bei Biotechnologien eine große Relevanz. Deshalb danke ich den Grünen für ihren Antrag „Biosicherheit bei Hochtechnologieforschung in den Lebenswissenschaften stärken“.

Der Bundestag muss neben den Chancen auch die Risiken der synthetischen Biologie betrachten. Es ist richtig, die Empfehlung des Ethikrates für einen Bioethikkodex für Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler umzusetzen und Beratungsgremien für Risiko-Nutzen-Analysen einzuführen. Aber auch die Forderung nach internationalen Abkommen für eine verantwortungsvolle Forschung bei riskanten Biotechnologien ist richtig. Aber dies alles reicht aus unserer Sicht, aus Sicht der Linken, nicht aus.

Öffentliche Förderung an Beratungspflichten zu koppeln, ist zu wenig. Jede Forschung in diesem Bereich muss den Anforderungen der Bioethik gerecht werden, ansonsten ist diese Forschung zu untersagen.

Ethische Fragen müssen verpflichtend Bestandteil der Aus- und Weiterbildung für Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler werden. Anlagen und Labormittel, die speziell für riskante Technologien wie Gene Editing benötigt werden, müssen ‑ genau wie Waffen ‑ registriert werden. Ihr Erwerb und ihre Nutzung sind an eine abgeschlossene Befähigungsprüfung zu koppeln. Der Export und Vertrieb solcher Anlagen muss wenigstens den Bedingungen von Waffenexporten entsprechen.

Aus Sicht der Linken ist es zwingend erforderlich, die unkontrollierte Verbreitung der Anlagen und Technologien für diese Techniken zu verhindern.

Liebe Kolleginnen und Kollegen, lassen Sie uns die Wissenschaftschancen erhalten und die Risiken so weit wie möglich minimieren!

Danke.